Menschen

Die heilende Kraft der Yogapraxis für Level 3

Von Deborah Baker

Seit über drei Jahrzehnten arbeite ich daran, eine erfahrenere Schülerin und bessere Lehrerin des Iyengar-Yoga zu werden. Die Brillanz dieser Methode hat mich sofort wegen ihrer Tiefe und ihrer steilen Lernkurve angezogen. Mir wurde gesagt, dass der Zertifizierungsprozess uns zu besseren LehrerInnen macht. Meiner Erfahrung nach stimmt das.

Als Spanisch-Lehrerin in Vollzeit und Mutter von zwei Kindern habe ich dennoch vier Prüfungen bestanden. Aber erst ein harter Schicksalsschlag hat dazu geführt, meine Zurückhaltung und Angst zu überwinden, um den nächsten Level auf der Zertifizierungsleiter zu erklimmen.

Eine Blutkrebsdiagnose (Hodgkin-Lymphom) und intensive Behandlung im Jahr 2016 haben meine Lehrtätigkeit außer Gefecht gesetzt. Ich musste isoliert werden wegen extrem niedriger weißer Blutkörperchen. An den meisten Tagen fühlte ich mich zu krank, um zu üben. Mir fehlte die Energie, die Hilfsmittel für die brillanten Sequenzen aus Lois Steinbergs Krebsbuch aufzubauen, obwohl ich es an manchen Tagen versucht habe. Meine Praxis bestand hauptsächlich aus Lesen.

Als fast die Hälfte der Chemotherapie geschafft war, habe ich 2016 eine liebe Freundin an Blutkrebs (Multiples Myelom) verloren. Sie wurde nur vier Monate vor mir diagnostiziert und hatte eine ähnliche Krebsart. Sie war eine engagierte Iyengar-Yoga-Lehrerin, Vorstandsmitglied der Iyengar Yoga National Association of U.S. (IYNAUS) und Studiobesitzerin. Kurz vor ihrem Tod sagte sie mir, sie wolle nichts lieber, als wieder Yoga zu unterrichten. Diese Worte berührten mich tief.

Das Üben und das Unterrichten haben mir einen Weg aufgezeigt, um mich selbst ins Leben zurück zu bringen. Ich war mir immer noch ziemlich sicher, dass ich mit dem Zertifizierungsprozess fertig war. Nicht zuletzt wegen meiner Selbstzweifel und der Angst vor Unzulänglichkeit. Dem wollte ich mich nicht stellen.

Aber dann änderte sich alles. Oder wie es im Spanischen heißt:

“Cuando una puerta se cierra, se abre una ventana.”

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster.“

Im Jahr 2021 führten zwei größere Hirnoperationen (plus eine dritte Notfall-Operation zur Reparatur eines lebensbedrohlichen Lecks von Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit) zu erheblichen Hirnverletzungen. Ich werde den Grad der Beschwerden nie angemessen beschreiben können, aber es geht langsam besser. Es ist ein Teil meines Lebens geworden, eine hohe Toleranz in Bezug auf Unwohlsein und Unsicherheit aufzubringen. Dabei waren die vorangegangene Krebsdiagnose und -behandlung und mein Überleben meine Stützräder für das, was mich nach einer Gehirnoperation erwartet hat. Ich habe meinen Geist auf meinen Körper fokussiert und das hat mir in den vergangenen vier Jahren geholfen, das Unbehagen in meinem Kopf zu verringern. Obwohl Teile meines Gehirns nie vollständig heilen werden, hat mir eine gezielte Iyengar-Yoga-Praxis ermöglicht, diese Dinge zu bewältigen.

Ich wusste, dass mein Intellekt nicht beeinträchtigt war, also tauchte ich ein in das Studium von Patanjalis Yoga-Sutras. Die Sutras II.I und IV.I wurden zu meinen Leitprinzipien. Diese betonen Tapas (Disziplin und hingebungsvolle Praxis), Svadhyaya (Selbststudium), Ishvara Pranidhana (Hingabe) und Samadhi (tiefe Meditation). Diese Konzepte – zugänglich und pragmatisch – haben mir den Weg für meine weitere Heilung geebnet.

B.K.S. Iyengars berühmtes Zitat: „Yoga hilft uns, das zu heilen, was nicht ertragen werden muss, und hilft uns, das zu ertragen, was nicht geheilt werden kann,“ inspiriert mich. Ich bin Guruji für seine Lehren unendlich dankbar.

Nach meiner ersten Gehirnoperation war ich an ein motorisiertes Bett gefesselt, das meine Rückseite auf und ab rollte, damit ich keine Lagerungswunden bekam. Ich war fest entschlossen, aus diesem Bett rauszukommen! Und so warf ich eines Tages eine Flanelldecke auf den Boden und ließ mich darauf nieder. Ich habe Baddha Konasana, Dandasana und einige Vorwärtsstreckungen im Sitzen gemacht. Mir wurde sofort klar, dass ich unterhalb des Halses gesund war und mich bewegen konnte. Die Erleichterung darüber löste eine unglaubliche Energie in mir aus. Ich entschied, dass meine Iyengar-Yoga-Praxis mein Weg zur Heilung sein würde (und nicht den Verstand zu verlieren).

Mir wurde klar, dass Pranayama- und Asana-Übungen meinen Geist von den Beschwerden meines Gehirns ablenken können. Intensive Konzentration wurde zu einem Balsam für mein Gehirn. Angemessene Bewegung durch die Asana-Praxis hat meinem Körper und meinem Kopf geholfen, sich viel besser zu fühlen.

Im Jahr 2022 bestellte ich das stark überarbeitete Zertifizierungshandbuch und entschied, dass die Struktur und der Fokus, die für Level 3 erforderlich sind, meinem Gehirn physisch, psychisch und emotional helfen würden zu heilen. Ich führe ein recht abgeschottetes Leben und beschloss, dass ich die Kraft, Disziplin und Zeit habe, mich durch diesen anspruchsvollen (überaus anspruchsvollen!) Lernprozess zu bringen. Die neuen Anforderungen für Level 3 würden die meiner letzten Prüfung  noch toppen.

Eines der Asanas aus Level 3, Bhairavasana, ist nach einer Inkarnation Shivas benannt und bedeutet auch „furchteinflößend“. Es war eine Metapher für die Schwierigkeit dieser Liste von Asanas, die ich meistern und dann lehren lernen müsste. Und Level 3 hatte mehrere weitere Komponenten. Ich wurde über Nacht zur Vollzeitstudentin.

Ich hatte mich bereits meiner Angst und Verletzlichkeit gestellt und so glaubte ich, dass ich nichts zu verlieren hätte. Tatsächlich hat die bewusste Entscheidung, etwas Schwieriges zu tun, den Stress bei der Behandlung einer funktionellen Hirnverletzung sogar verringert. Lernen und Studieren waren greifbare Dinge, die ich kontrollieren konnte, obwohl so viel in meinem Leben in letzter Zeit außerhalb meiner Kontrolle lag.

Die Vorbereitung auf Level 3 und die Prüfung an sich gaben mir mehr, als ich je erwartet hätte. Ich machte mich daran, meinem Gehirn bei der Heilung zu helfen und depressive Verstimmungen abzuwehren. Immer eine Pragmatikerin, beschloss ich, mein Studium damit zu beginnen, jede der Level-3-Asanas zu lernen. Ich legte Fotokopien der etwa 50 Asanas auf meinen Nachttisch, in meinen Rucksack, pinnte sie an die Küchenwand und ins Badezimmer und überall sonst hin, wo ich mich aufhielt, um ihre Namen und Abläufe zu studieren. Ich hatte bereits drei zerfetzte Exemplare von „Licht auf Yoga“, und eines war immer greifbar.

Mein Hals und mein Gehirn waren lange Zeit ein Chaos, aber der Rest meines Körpers konnte diese Posen lernen und üben. Neben der knöchernen Festung nutzt das Gehirn auch Nackenmuskeln als Schutz. Mein Nacken war blockiert. Es hat weit über ein Jahr gedauert, bis ich überhaupt den Kopf drehen konnte. Überraschenderweise enthält der Level-3-Lehrplan Posen, die unglaublich vorteilhaft für den Nacken sind. Ein paar der Twists auf der Liste fühlen sich besser für meinen Nacken an als alle anderen Asanas, die ich zuvor geübt habe. Es hat lange gedauert, aber ich habe langsam gelernt, dass selbst Level-3-Posen therapeutische Komponenten haben.

Nach einem Jahr bekam ich die ärztliche Erlaubnis, wieder Umkehrhaltungen zu machen. Ich konnte sie nutzen, um meinen Gehirnnebel und meinen Druck zu verringern. So seltsam es auch klingen mag, mein Gehirn fühlt sich in jeder Variante von Sirsasana besser an als wenn es aufrecht ist. Ich balanciere auch stabiler auf dem Kopf als auf zwei Beinen.

Ich bin nicht das, was diagnostiziert wurde, und ich bin auch nicht meine Verletzungen. Diese Dinge haben jedoch beeinflusst, wie ich mein Leben lebe. Unglück hat meine Yogapraxis so sehr vertieft, dass ich mich tatsächlich für eine Level-3-Prüfung angemeldet und bestanden habe. Neugier und Herausforderungen haben mir geholfen, aufzublühen. Ich bin Guruji dankbar für seine Lehren und für die unglaubliche Gemeinschaft all der LehrerInnen und SchülerInnen, die weiterhin üben und studieren und seine Arbeit teilen. Diese Praxis wird mich immer demütig sein lassen. Ich lerne jeden einzelnen Tag weiter.

Dieser Text erschien zuerst im Blog „Light on IYNAUS“. Hier geht es zum Original in englischer Sprache: „The Healing Power of Level 3 Assessment“